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Erfahrungsbericht Musikbranche
Stellen Sie sich vor, Sie mögen Musik, Sie sind vielleicht sogar
Liebhaber, sammeln Schallplatten, gehen auf Konzerte und leiten ein
Stück weit Ihr Lebensgefühl aus der Musik ab. Natürlich
hören Sie Punk, Alternative Rock, ein bißchen Elektronik
und Jazz. Um Schlager, Oldies, Volksmusik und andere Ausgeburten der
populären Musik machen Sie einen weiten Bogen.
Nun arbeiten Sie aber in einem Musikverlag, in einem alten Musikverlag.
Und alte Musikverlage haben nun einmal viel altes Repertoire, weil
sich die Musikverleger die Nutzungsrechte eigentlich immer für
die Dauer der sogenannten gesetzlichen Schutzfrist übertragen
lassen, also für 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers.
Und dann kommt, nachdem Sie noch nicht einmal zwei Monate in diesem
Verlag arbeiten, eines Tages Ihr Chef und sagt: "Wir haben hier
diesen Texter, der alle tollen alten Schlagertexte geschrieben hat
und der wäre dieses Jahr 80 geworden. Da werden wir eine Geburtstagscompilation
mit allen seinen großen Erfolgen machen. Und Sie dürfen
das übernehmen!"
Verflucht! Sie haben weder Ahnung, wie man eine CD herstellt, noch
-und das ist viel schlimmer- haben Sie Lust die Titel durchzuhören
und die Reihenfolge festzulegen.
Zuerst machen Sie also um die Tapes einen großen Bogen, einen
Tag lang, zwei Tage lang und nach einer Woche fragt der Chef dann
nach, ob Sie die Reihenfolge schon festgelegt haben. Na gut, dann
beißt man eben in den sauren Apfel und schiebt ganz vorsichtig,
weil man sich ein bißchen vor Schlagern fürchtet, die Tapes
in den Player. Und irgendwie kennen Sie dann doch die Stücke,
Weiße Rosen und irgendwas mit Athen, Pack die Badehose und ein
Sommerwind und so, naja, Omas Musik eben. Aber immerhin, nur Hits,
und das ist schon bewundernswert, dass jemand so viele Hits getextet
hat. Und schließlich ist das ja auch irgendwie charmant, sowas
wie Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. Außerdem sind Sie
ja dabei, Profi zu werden!
Okay, jetzt nicht den Faden verlieren, ich will ja jetzt erklären,
wie denn so die CD-Produktion funktioniert.
Also da gibt es dann ganz viele Beteiligte, die irgendwie mitreden
wollen. Einen Chef, einen Kollegen, die Familie des Künstlers,
den Grafiker, das Presswerk, die anderen Firmen, von denen man irgendwelche
Rechte bekommt...ja genau, ich fragte mich auch, warum überhaupt
Rechte, wir machen das ganz einfach und dann ist alles cool! Weit
gefehlt, denn irgendwie hat ja die Tonträgerfirma ein Recht an
der Aufnahme und dieses Recht mußte ich dann erstmal besorgen.
Ging auch ganz einfach, weil irgendwie alle meinen Chef kannten und
diesen Texter und alle ganz nett waren und das eine gute Idee fanden
mit der Compilation!
Einen Text in dem CD-Büchlein sollte es auch geben, der mußte
auch den Urheber ein bißchen ehren und würdigen und eigentlich
fand ich meinen Text auch gut, aber jeder wollte dann noch irgendwas
ändern und es wurde ein großes Kuddelmuddel.
Dann gab es noch eine Firma, die das ganze Ding hergestellt hat. Da
mußte ich hinlaufen und die Rohmaterialien abgeben, also Ursprungsbänder
und diesen Text und die hübschen Bilder, die da vorne drauf sollten.
Und eigentlich war ich ganz froh, als ich alles abgeben konnte und
der Streß vorbei war. Aber dann hat mir die Frau, die für
die Herstellung zuständig war noch was von einem Herstellungsvertrag
mit der GEMA erzählt. Also mit GEMA konnte ich was anfangen,
weil meine Kollegen im Verlag auch immer davon erzählen, aber
Herstellungsvertrag??? Ich hab dann die Telephonnummer von der GEMA
rausgefunden und da angerufen und die waren auch ganz nett und haben
mir alles erklärt und eigentlich war dann alles einfach, abgesehen
davon, dass wir plötzlich noch Geld an die GEMA zahlen mußten,
und das hat mir dann meine Kalkulation zerschossen und mein Chef war
sichtlich amüsiert, als ich zu ihm gekrochen bin und ihm das
erzählt habe, bei einer 1000er Auflage läßt sich das
anscheinend verschmerzen, so ein Kalkulationsfehler.
Und schließlich kamen dann die CDs! Mein erstes Produkt, ich
war dafür zuständig und auch ziemlich stolz! Ich hab dann
eine CD mit nach Hause genommen und dummerweise zu Hause gemerkt,
dass da ja mindestens drei Schreibfehler in den Texten waren, obwohl
ich alles vorher fünfmal gelesen hatte. Also am nächsten
Tag mußte ich dann wieder zum Chef gehen und ihm das erklären:
"Also wissen Sie, da ist mir ein Fehler passiert, also eigentlich
ist das auch gar nicht so schlimm, aber ich wollte es Ihnen trotzdem
sagen, wissen Sie, ich kann mir das auch nicht wirklich erklären....!"
Sie wissen vielleicht, wie sowas abläuft.
Insgesamt war zwar alles ziemlich viel Streß, wenn man eigentlich
keine Arbeitserfahrung hat und so, aber es hat auch irgendwie Spaß
gemacht. Vielleicht hab' ich sogar was gelernt....mal sehen.
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